Fischerort Freest

Braunes Gold galt Jahrzehnte als Zahlungsmittel.


Auf keiner Landkarte ist er zu finden, der 300 Seelen zählende Fischerort Freest, dem Greifswalder Bodden vorgelagert. Dennoch gilt Freest seit Jahrzehnten als Geheimtipp für Insider, insbesondere bei Gourmets. Eine großer Schornstein in der Ortsmitte, nicht weit vom kleinen Fischerdorf entfernt, lässt insbesondere bei Westwind erahnen, was sich hinter dem Backstein genauer abspielt. Seit sieben Jahrzehnten wird bei Thurow in Freest Fisch geräuchert. Herzstück der Räucherei sind die sogenannten Altoner Räucheröfen. Aus ihren schweren Eisentüren kommt täglich das braune Gold, köstlich geräuchertre Fischspezialitäten nach alter Familientradition. Nur kienfreies Holz, meistens Eiche oder Buche, wird zum räuchern verwendet. Kurz nach der politischen Wende wurde eine Räucherei als technisches Denkmal anerkannt. Diese Aktion bereitete Jörg und Joachim Thurow einiges Kopfzerbrechen. Ein neuer Rauchabzug mit Spezialfilter musste installiert und die Verarbeitungsräume neu nach EG Norm umgebaut werden. Dies waren für die Inhaber allerdings nur kleine Fische. Keine Partei, kein Staat schaffte es, die Räucherei von Freest unter seine Fittiche zu nehmen und zu verstaatlichen. Viele Schikanen wurden erduldet. Der Mecklenburgische Dickkopf in Person des damaligen Inhabers Hans Joachim Thurow schaffte es immer wieder, sein braunes Gold an "normale" Bürger zu verkaufen. Insbesondere zu DDR Zeiten war es ein drittes Zahlungsmittel - so mancher Handwerker wurde für seine Dienste damit entlohnt. Gegenwärtig werden in Freest täglich 11 Fischarten in 26 Varianten geräuchert. Davon stammen nur noch 10 Prozent aus der Ostsee und diese ist, genau wie der Greifswalder Bodden, auch die Badewanne von Berlin genannt, totgefischt. Flundern, Hering, Aal und Sprotten, der größte Teil kommt aus dem Atlantic, Nordsee und Ozean. Sechs Tonnen Räucherfilets werden pro Jahr in Freest in der Räucherei umgesetzt. Es hat sich bis Bayern herumgesprochen - der bekannteste Partyausstatter hat das braune Gold aus Freest in sein Programm aufgenommen.

Von Edgar J. Herrmann