Hallig Hooge

Die Wellen gurgeln gegen die Scheiben.


Noch am Vortage hatten sich Besucher und Bewohner der Hallig Hooge für diesen Freitag einiges vorgenommen. Aber daraus wurde nichts. Weder der unbändige Wind noch der zweimalige Stromausfall am Vorabend ließen ahnen, was auf sie zukommen würde. Gegen 6,30 Uhr morgens rief der stellvertretende Bürgermeister von Hooge an und sagte: "Wir haben Warnung für eine schwere Sturmflut bekommen. Die Hallig ist schon blank. Keine Zeit mehr, auf das Festland zu kommen". Von der Zeit her wäre es Niedrigwasser gewesen und schon Land unter! Wie würde es dann bei Hochwasser aussehen, das gegen 12,15 Uhr erwartet wird. Ich schaute nach draußen, sah aber kaum etwas. Es war noch dunkel. Nur Tosen und Pfeifen des Windes aus Südwest. Als der Morgen graute und draußen Konturen zu erkennen waren, fingen wir an, die Warft zu sichern. Zunächst das Haus, welches im Sommer auch als Jugendherberge genutzt wird, dann die Kirche, stumme Zeugin der Flutkatastrophe von 1634 und so vieler Sturmfluten. Sie liegt tiefer als das Pastorat und ist darum besonders gefährdet. Die Südtür wurde zugeschraubt, der Strom für die Kirche abgeschaltet. Zuletzt kamen einige Sandsäcke vor die Tür. Ein Blick in die Runde lässt schlimmes ahnen. Die Hallig ist längst vollgelaufen. Der Hahn auf dem friesischen Glockenturm führt klappernd einen wilden Tanz auf, alle fürchten, er müsse im nächsten Augenblick herunterfallen. Doch er zeigt beharrlich nach Südwest, von wo die Sturmböen kommen. Noch draußen mit der Warftsicherung beschäftigt, kommt ein Hund jaulend entgegen. Allein in der Küche, hat er das rasche Steigen des Wassers bemerkt und Angst bekommen. Es ist tatsächlich erstaunlich, in welch kurzer Zeit die Wellen Warfthöhe erreicht haben. Nun noch rasch Garage und Veranda verschotten und für die übrigen Türen alles bereitlegen. Sicherheitshalber füllen wir noch einige Säcke mit Sand und schaffen sie zu den Außentüren. Inzwischen ist es 10 Uhr geworden, zwei Stunden vor Hochflut. Das Wasser hat eine Höhe von gut 3,50 Meter und steigt weiter. Dann schießen, von Orkanböen getrieben, Wellen über den Friedhof hinweg, brechen sich schäumend im Staket und erfüllen die Luft mit Wasserstaub. So mancher Zaun wird zum Wellenbrecher. Dahinter eine mächtige Strömung, die von dem 1,50 m hohen Steindeich nicht mehr aufgehalten und durchbrochen voll über die Hallig hinweggeht. Eben noch Sonne, jetzt tiefes Wolkendunkel mit Hagel und Regen gemischt. Längst haben die Wellen das Tannengrün von den Gräbern gespült. Was vor dem Toten bzw. Ewigkeitssonntag nicht selten Stunden dauerte, bis ein Grab winterfest war, das haben Wasser und Wind in einem Augenblick zerstört und zunichte gemacht. Allmählich erreicht das Wasser seinen Höchststand. Es ist 12 Uhr mittags. Drinnen wird so oft wie möglich im Radio der Wetterbericht gehört. Orkanböen mit einer Windgeschwindigkeit von 150/160 km/h sollen über die Hallig hinwegfegen. Eine Bohrinsel hätte sich losgerissen, und der Orkan habe bereits ein Todesopfer gefordert. Nordwestlich von Sylt sei ein norwegischer Frachter gesunken. Und den Hamburger Hafen habe man zum Sperrgebiet erklärt. Immer wieder läutet das Telefon; Menschen, die nachfragen, wie es gehe. Es sind Anrufer von außerhalb und Anruf von Hoogern. Und wir hören, dass die älteren Häuser auf Hooge voll Wasser gelaufen sind; "bis zu einem halben Meter in der Wohnstube", heißt es. Dass nicht mehr Wasser eingedrungen ist, war der Verschottung von Fenstern und Türen zu verdanken, die man nach der letzten Flut 1976 vorgenommen hatte. Sie hat sich nach dem Urteil der Hooger gut bewährt. Natürlich sind bei einem solchen Wasserstand die Fethinge voll Salzwasser gelaufen. Das war bei der Februarflut 1962 noch eine böse Sache, da sie von alters her als Trinkwasserreservoir für das Vieh dienten. Inzwischen wird die Hallig vom Festland aus mit Trinkwasser versorgt. Nach der Flut freilich werden die Fethinge mit Feuerwehrpumpen leergepumpt. Die Luft schmeckt nach Tang und Salz wie überreich gewürztes Essen. Möwen, Austernfischer, Rotschenkel und andere Seevögel halten sich im Windschatten der Warft. Sie fliegen, als ich mich nähere, kreischend in die Höhe. Aufregend zu sehen, wie in der Gefahr Mensch und Tier zusammenrücken und die Warften zu rettenden Archen werden. Als der Sturm am heftigsten tobt, finde ich nah der Hauswand zwei schutzsuchende Enten. Leidende Kreatur. Im Sturm auf der Warft versteht man, was das eigentlich und wörtlich meint eine "Zuflucht" haben einen Ort nämlich, wohin ich in der Gefahr fliehen kann und wo Mensch und Tier gleichermaßen Schutz finden. So schauen die Warften im Sturm aus dem Wasser wie Inseln der Geborgenheit. Nicht losgelassen haben mich inmitten der stürmischen Wasserwüste die Lichtverhältnisse. Waren meine Ohren ganz vom Tosen des Sturms eingenommen, so waren meine Augen überwältigt von dem ständigen Wechsel von Sonnenlicht und Wolkendunkel. Das Licht schien mir so unverstellt und unmittelbar, wie es über Wassern und Warften lag, wobei der wolkenzerrissene Himmel immer neue Formen und Figuren hervorspielte. Inzwischen steht auch im Wohnzimmer etwa 30 cm Wasser. Ein eigentümliches Bild, wenn man stehend durch die drucksicheren Fenster nach draußen schaut und die Wellen gegen die Scheiben schäumen und gurgeln sieht. Aber nicht durch die Kellerfenster ist das Wasser eingedrungen, vielmehr ist es von unten durch den Beton gesickert deutlich zu sehen an den kleinen Bläschen im Wasser. Rasch stellen wir nach oben auf die Regale, was unten steht, zuletzt eine kleine Kühltruhe. Im Garten vor der Veranda ist schon ein Teil des Mutterbodens abgetragen und von den Wassern weggeschwemmt. Was vom Kohl noch steht, ist entwurzelt. Gegen Mittag sind die ersten Schäden deutlich zu sehen. Hier und da sind Grabsteine umgestürzt und Büsche entwurzelt. Im Westen ist das Staket zerstört. Orkanböen haben die einzementierten Pfähle des Zauns mühelos freigelegt und auf die Seite geworfen. Auch Mähdrescher und Traktor-Hänger sind angespült worden. Gut, dass der Zaun sie abgefangen hat, sonst hätten sie vielleicht ein Loch ins Haus geschlagen und unübersehbaren Schaden angerichtet. Am Nachmittag ist der Höhepunkt der Sturmflut überschritten, der Wind flaut ab und die Wasser fließen langsam ins Meer zurück. Die Hafenschleuse wird zum Wildbach. Das Nachthochwasser erreicht nicht mehr die Höhe vom Vortage. Wohl gab es Schäden an und auf Hooger Warften. Auch hat sich im Hafen ein Segelboot losgerissen; es ist abgetrieben und auf Hallig Gröde mit einem Loch im Bug gestrandet. Insgesamt jedoch ist diese Sturmflut für die Hooger glimpflich verlaufen. Müde und auch etwas zerschlagen saßen wir am nächsten Morgen am Frühstückstisch, zugleich aber in der Gewissheit, Zeugen eines ungewöhnlichen Naturereignisses aus Wolken, Licht und Wellen gewesen zu sein. Das Buch zur Flut von Manfred Siegel ist im Breklumen-Verlag erschienen. Die Fotos dazu stammen von dem Autor Dietrich Heyde. Sie wurden während der Flut aufgenommen.

Von Edgar J. Herrmann