In Richtung Kambodscha, dem Land der Khmer


Allein schon der Name Kambodscha lässt sehr widersprüchliche Bilder wach werden. Zum einen denkt man an anmutige Tänzerinnen' majestätische Tempelanlagen und Bauern, die friedvoll ihre Reisfelder bestellen; andererseits erinnert man sich an unvorstellbare Gräueltaten und endloses Leid. Wer hätte sich auch in den 1960er-Jahren vorstellen können, dass ein derartiges Unheil Kambodscha heimsuchen würde? Das Königreich war zu diesem Zeitpunkt von einer homogenen, gesunden und freundlichen Landbevölkerung besiedelt. Eben von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassen, lebte das Volk unter Prinz Sihanouk ruhig und in Frieden und machte sich langsam mit den Errungenschaften der modernen Welt vertraut. Doch 1970 brach eine Katastrophe über das Land herein: Es begann mit einem Staatsstreich, der Absetzung Sihanouks und der Ausrufung der Republik. Bereits zuvor hatte die Bevölkerung unter den Folgen des Vietnamkriegs zu leiden, als die Amerikaner Regionen Kambodschas mit Bombenteppichen belegten. Die Lage kulminierte ab 1975 unter der vierjährigen totalitären Herrschaft der Roten Khmer (des berüchtigten Pol Pot). Die Menschen wurden zu Sklaven des Staates gemacht und das kulturelle Erbe der Nation systematisch zerstört. Diesem Wahnsinn - durch Massaker, Hungersnöte und Seuchen starben weit über eine Million Zivilisten - konnte nur von Dritten ein Ende gesetzt werden: 1979 marschierte die vietnamesische Armee in Kambodscha ein und vertrieb das Pol-Pot-Regime.

Hoffnungsschimmer:
Langsam vernarben die Wunden, und Kambodscha versucht heute, sich der Zukunft zu öffnen. Kein leichtes Unterfangen, wenn man an die Millionen zurückgebliebener Landminen und die traumatisierte Bevölkerung denkt. Immerhin ist in diesem Land, das politisch, wirtschaftlich und kulturell neu aufgebaut werden muss, das Königreich - Fundament der ästhetischen und symbolischen Werte - wiederhergestellt. Teile Kambodschas, so die Regionen nördlich und westlich von Siem Reap, die noch bis in die späten 90er-Jahre wegen versprengten, marodierenden Roten Khmer gesperrt waren, sind nun wieder zugänglich. Eine neue Autobahn verbindet Phnom Penh mit dem Hafen Sihanoukville, und man ist daran, die wichtige Überlandstraße zu den Tempeln von Angkor und nach Siem Reap, einer blühenden Kleinstadt, auszubauen. Überall ist ein neu aufkommendes Gefühl von Optimismus spürbar. Phnom Penh ist wieder eine geschäftige südostasiatische Kapitale, und wachsende 'Iouristenscharen besuchen erneut das mittelalterliche Angkur.

Fest der Wasser:
Das Leben der 13,8 Millionen Einwohner - über 90 % davon sind reine Khmer - und die Landesgeschichte ist eng mit dem Mekong verbunden. Phnom Penh entstand am Zusammentreffen des Mekong mit dem Fluss Tonle Sap. Die nur kurze Verbindung mit dem mächtigen Strom beschert dem Tonle Sap ein einzigartiges Phänomen: Jedes Jahr ändert er während mehreren Monaten seine Fließrichtung. Von Oktober bis Juni nimmt das Wasser seinen "normalen" Weg nach Südosten ins Meer. Doch ab Juni, wenn der Mekong durch die Regenzeit anschwillt, wird der Druck auf den Tonle Sap so stark, dass dieser "rückwärts" zu fließen beginnt und sich in den über 100 km entfernten gleichnamigen See im Zentrum des Landes ergießt. Der erneute Wechsel des Wasserlaufs wird bei Vollmond Anfang November in Phnom Penh mit einem dreitägigen Fest zelebriert. Dies ist für tausende von Kambodschanern ein guter Grund, um in die Hauptstadt zu fahren und die Tatsache zu feiern, dass die Nation überlebt hat. Niemand kann behaupten, dass Reisen in Kambodscha einfach ist. Die Straßen haben in der Regel mehr Schlaglöcher als Asphalt, und außerhalb der großen

Von Edgar J. Herrmann