Das Kranich Wunder.

Ein Naturschauspiel an der Ostseeküste


Bis November sammeln sich die Großvögel in Mecklenburg-Vorpommern. Haben sie genug Kraft getankt, starten sie gen Süden. Und nirgendwo kann man dieses grandiose Treiben besser beobachten als am Bodden. Es ist Anfang Oktober, und ein gutes Dutzend Vogelbeobachter warteten auf Posten in Bisdorf südlich der Halbinsel Zingst in Mecklenburg- Vorpommern, einem der größten Sammelplätze für die Kraniche dieser Erde. In der Dunkelheit schlafen 45.000 Graukraniche. Sie rasten hier ein paar Wochen lang, bevor sie nach Süden weiterfliegen. Dicht gedrängt stehen sie im knietiefen Wasser des Boddens, ein Gewässer, das von einer Landzunge vom Meer getrennt ist. Das Schauspiel beginnt: "Gleich geht es los!" Tatsächlich: Der Himmel wird heller, auf dem Wasser erscheint ein großes, graues Feld. Minuten vergehen. Aber dann: Noch ehe die Kraniche zu erkennen sind, trägt der Wind ihren Ruf herüber. Ein gewaltiges, anschwellendes Trompeten. Als schließlich die Sonne über den Horizont steigt und die Federwolken am Himmel rosa beleuchtet, löst sich das graue Feld auf. Endlich kann man die einzelnen Vögel wahrnehmen. Die ersten staksen hochbeinig herum, schütteln sich. Zu zweit, zu dritt, als kleine Trupps schwingen sie sich in die Höhe. Die Bedingungen auf der Halbinsel Darß-Zingst und der umliegenden Region sind für die scheuen Zugvögel geradezu ideal: Auf den Feldern des Festlandes schlagen sie sich tagsüber die Bäuche voll - um bei Sonnenuntergang wieder zurückzukehren in ihr Schlafquartier im flachen Küstengewässer. Dort stehen sie sicher vor Feinden wie Füchsen oder Wildschweinen. Die ersten Kraniche kommen Ende September aus dem Osten, dem Baltikum, Russland, der Ukraine. Sie legen auf dem Darß einen mehrwöchigen Zwischenstopp ein - um sich zu sammeln, auszuruhen und anzufüttern für die lange Reise gen Süden. Irgendwann werden die Norweger dazukommen, die Finnen, die Dänen. Dann ziehen sie alle gemeinsam weiter - 40 000 bis 70 000 Vögel. Seit Urzeiten sind die Menschen von Kranichen fasziniert."Die majestätischen Vögel bringen angeblich Glück. Und sie stehen für unsere Sehnsucht nach Freiheit. In China werden sie als Sinnbild für ein langes Leben verehrt, in Japan als Symbol für Treue und Beständigkeit. Nicht umsonst hat die Lufthansa den Kranich als Wappenvogel". Wir sitzen im KranichInformationszentrum in Groß Mohrdorf. Und Günter Nowald, der das Zentrum leitet, berichtet stolz von seinen Lieblingen. Über 6000 Paare der größten bei uns heimischen Vögel brüten in Deutschland. Ausgewachsen messen sie in der Höhe 1,30.Meter, so viel wie ein achtjähriges Kind. Ihre Flügel spannen sich über mehr als zwei Meter. Sie tragen die Kraniche sehr weit, manchmal 1200 Kilometer ohne Landung. Bei starkem Rückenwind schaffen sie 130 Kilometer pro Stunde. Auf ihrem Weg in den Süden ziehen sie in V -Formation, um Energie zu sparen. Kurs halten sie mit Hilfe der Sonne, der Sterne und dem Magnetfeld der Erde. Weit ist der Weg: Vom Sommer- ins Winterquartier. Bis zu 5000 Kilometer gilt es zu überwinden. Dafür müssen die Vögel genügend Energie tanken. Darum ist ihr Rastplatz an der Ostsee auch so beliebt. Denn auf den ab geernteten Getreidefeldern V orpommerns finden sie genügend Leckerbissen. Mit ein wenig Glück kann man die Kraniche auch tanzen sehen. Um ihre Partner zu beeindrucken, hüpfen sie ausgelassen in die Höhe und schlagen dazu im Takt mit den Flügeln. "Das Kranichballett ist wirklich ein einmaliger Anblick", sagt der Biologe, "man spürt Lebensfreude pur". Auch Christel Stein ist ein Kranich-Fan. Wir treffen die Wanderleiterin im Nationalpark auf der Halbinsel Zingst. "Ich mag ihre imposanten, stolzen Bewegungen, den eleganten Flug und die majestätische Landung", sagt sie. Jeden Abend fUhrt Christel Stein Naturfreunde an die Ostspitze von Zingst, von wo aus man die Rückkehr der Kraniche an ihre Schlafplätze am besten beobachten kann. Zu Tausenden fliegen die Vögel in die untergehende Sonne hinein. Ein Festival der Natur. Nur noch wenige Wochen werden die Kraniche bleiben. Solange der Wind von Süden weht, denn sie fliegen nicht gern gegen den Wind. Erst wenn er dreht, Ende Oktober, Anfang November, lassen sie sich vom kühlen Nordzug in Richtung Winterquartier tragen. Dann fahren auch die Kranichfans wieder nach Hause. Und freuen sich auf die Rückkehr ihrer Lieblinge. Hier können Sie die Kraniche beobachten: Die besten Beobachtungsplätze in der Region verrät man ihnen im KranichInformationszentrum in Groß Mohrdorf (Tel.: 038323/80540, im Internet unter: www.kraniche.de). Dort gibt's auch viele weitere Infos rund um den Kranich. Auf der Kranichtour mit dem Schiff geht es immer mittwochs und freitags von 16 bis 20 Uhr ab dem Hafen Zingst (Erwachsene zahlen 16 Euro pro Person). Infos und Buchung: Tel.: 038232/81580 oder per Internet Eine Woche Kranichurlaub bietet das Hotel "Schlösschen" in Zingst bis Ende Oktober: 7 Übernachtungen inklusive Frühstück und Abend-Menü, Mietfahrrad, Kranich-Führung und Schiffstour ab 534 Euro pro Person (Tel.: 038232/8180, ).

Von Edgar J. Herrmann


Foto 1: Ein einmaliges Naturschauspiel bieten die Kraniche den Beobachtern.

Foto 2: Mehr als 70.000 Großvögel machen jedes Jahr Station in Mecklenburg

Vorpommern und rüsten sich für den Weiterflug nach Süden.



Bilder: R. Nestmann