Kuba

Sozialismus hin oder Kapitalismus her - Geblieben ist eine unbändige Lebensfreude


"Bienvenidos" - ein Tag im normalen Cuba geht nicht ohne Wechselbäder, man kann es auch als spannende Achterbahn zwischen den Welten bezeichnen. Eine Gradwanderung zwischen dem verbotenen Dollar-cuba und Peso-cuba (die unbedeutende eigene Währung), afrocubanische Götter, eine Schlitzohrigkeit und schwarzer Humor, gekühlte Cocktails in Hotelbars, hypnotisierende Rhythmen, hier und da "verstaubte" Revolutionsparolen und immer wieder das freundliche Selbstbewusstsein - so sind die Cubaner, die herzliche Gastfreundschaft versöhnt alle. Cuba, die paradiesische Insel verwirrt und ist mitunter anstrengend. Sie lässt niemanden kalt. Es ist wie eine bunte "Wundertüte der Widersprüche", also nochmals "Bienvenidos" - herzlich willkommen im Paradies auf Erden. Mit dem Reisebus 3.000 Kilometer durch Westcuba - unterwegs von Valle de Vinales, Havanna bis hin nach Varadero auf der Halbinsel Hicacos. Was macht Cuba so reizvoll? Die Kontraste zwischen arm und reich, zwischen purer Natur und Verantwortungslosigkeit - hier klafft eine Riesenlücke. Der Alltag ist auch ein Drahtseilakt. Trotz herrschender Krise ist man stolz auf Errungenschaften der Revolution. Die Bevölkerung ist überdurchschnittlich gut ausgebildet, das Familien- und Gesundheitssystem funktioniert recht gut. Eine Rassentrennung findet auf den ersten Blick nicht statt. Kein Mensch in Cuba ist rein weiß oder rein schwarz. Er trägt Elemente einer anderen Kultur. Kein Wunder: trafen doch auf der Zuckerinsel Europa, Afrika, Asien und Amerika zusammen. Das Modell der Revolution ist ein Auslaufmodell, der "normale" Cubaner lebt auf tiefstem Niveau mit dem Revolutionsführer Fidel Castro. Was nach seiner Amtszeit kommt, ist ungewiss und bereitet vielen Sorge. 1959, das Jahr der Machtergreifung durch Castro sorgte fur weltweite Schlagzeilen. Heute, funf Jahrzehnte später, sieht der Alltag nicht mehr paradiesisch aus. Eine eigene Infrastruktur: Erst seit rund zehn Jahren hat sich das bis dahin weitgehend abgeschottete Land langsam dem Tourismus geöffnet. Trotz der Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 haben die Cubaner an einer eigenen Infrastruktur gebastelt. Man brennt Rum, stellt in Eigenregie Shampoo und Seife her (beides gibt es nur gegen US-Dollar), verkauft Kaffee an Passanten, handelt schwarz mit Zigarren, hält im Bad oder vor dem Haus ein Schwein, bietet mit dem zusammengeflickten US-Straßenkreuzer (50 Jahre alt) oder neueren Ladamodell illegale Taxidienste an und viele Cubaner verkaufen sich selbst mit der Prostitution. Das verschärfte US-amerikanische Embargo lässt kaum einen Spielraum zu. In diesem tristen Leben spielt die Musik eine zentrale Rolle. Gleichgültig an welchem Ort der Insel man sich gerade aufhält - die Rhythmen der Straßenmusiker sind in Cuba allgegenwärtig. Weltkulturerbe zeigt Wirkung: In Cojimar, dem Lieblingsfischerdorf von Ernest Hemmingway vor den Toren Havannas scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. In Havanna wird eindrucksvoll dargestellt, was US-Dollar bewirken. Die stark zerfallene Altstadt wird dank dem Schutz des Weltkulturerbes langsam restauriert. Bei diesem Zerfall eine wahre Sisyphusarbeit. Trotz der regen Bautätigkeit hat Havanna ein ganz besonderes, unerklärbares Flair. Auf dem platten Land dagegen geht es viel ruhiger, aber noch ärmlicher zu, endlose Zuckerfelder entlang der Mangrovensümpfe. In Trinidad, jenseits der Berge in der Regenwaldlandschaft, wird der beste Kaffee Cubas angebaut. Leider ist der Export fast auf Null gesunken, genau so der Zuckerexport. Der ehemalige Schmuggler- und Piratenunterschlupf Trinidad steht heute unter Denkmalschutz. Die ganze Stadt ist ein einziges Museum - in den Ecken und Winkeln wird man um Jahrhunderte zurückversetzt. Fazit der West-Cubareise: Es war in Erlebnis, einen Teil der ehemaligen Insel hinter dem eisernen Vorhang zu erleben und der abwechslungsreichen Landschaft, dem kulturellen Leben, der spanischen Architektur und den zauberhaften Menschen zu begegnen. Sie haben ein besseres Leben verdient, nicht nur "all-inc1usive" Gettos der Touristenbranche sind gefragt. Kleine Mittelklassehotels kümmern sich auch rührend um die Gäste.

Von Edgar J. Herrmann


Foto : Gespielte Lebensfreude: Auch das ist Cuba. An allen Ecken spielt die Musik.

Foto : Das Schwein als Glücksbringer, aber auch als Notration zum Überleben.

Foto : "Amischlitten" bestimmen in Havanna das Straßenbild.

Foto : Meist reicht es nicht zu einer Havanna - kalt rauchen ist die einzigste

Möglichkeit, den Wohlstand zu erahnen.



Bilder: Edgar J. Herrmann