Die Osterinsel - Der Nabel der Welt


Es regnet. Nein, es schüttet wie aus Eimern. Es ist 1 Uhr in der Nacht und wir sind hundemüde. Nach fast fünf Stunden Flug sind wir auf der Osterinsel gelandet. von allen Eilanden Polynesien die Osterinsel wohl am verlorensten in den Weiten des Pazifiks. Ein Mal pro Monat kommt ein Versorgungsschiff und ein Mal täglich fliegt LAN Chile die Insel an. Doch die Flüge sind meist ausgebucht. Wir müssen also ausharren. Wenigstens hat der Regen aufgehört. Vom klaren, strahlend blauen Himmel scheinen die ersten Sonnenstrahlen genau auf eine Gruppe von Statuen, die wir aus der Feme erkennen. Wegen dieser Statuen sind wir ja auch gekommen. Wir laufen hin. Die Figuren stehen auf niedrigen Steinplattformen, eine ideale Sitzmöglichkeit für uns. Ich hole meinen Reiseführer hervor um in Erfahrung zu bringen wie die Ausgrabungsstätte heißt. Doch kaum haben wir uns niedergelassen, kommt ein Herr in Uniform (Guardaparque) und macht uns darauf aufmerksam, dass wir hier nicht sitzen dürften! 'Warum nicht', wollen wir wissen. 'Dies ist die Altarplattform von Ahu Tahai, ein geweihter Ort. Alle Moais, das sind die Statuen die auf uns herabblicken, wurden zum Andenken an verstorbene Herrscher aufgestellt. In den Statuen vereinigt sich das Gedenken an den Toten mit dem familieninternen Machtsymbol, dem die Kraft des Verstorbenen innewohnt'. Wir bedanken uns für die ausführliche Erklärung

Die Frage der Erstbesiedlung

Thor Heyerdahl war 1955/56 mit Ausgrabungen auf der Osterinsel beschäftigt. Er vertrat die Meinung, dass die Erstbesiedlung der Insel durch Südamerikaner erfolgte. Nach der Zerstörung des Tiahuanaco Reiches (zwischen 725 und 1000 n.Chr } sollen die Besiegten in Balsaholzfloßen aufs Meer hinaus geflohen sein. Andere sind überzeugt, dass die ersten Siedler Polynesier waren. Eine Sage berichtet von einem Bruderstreit um die Herrschaftsfolge auf einer polynesischen Insel. Der Königssohn Hotu Matua unterlag und machte sich auf Geheiß eines Priesters auf den Weg zu einer "weit entfernten" Insel. Nach etwa 6wöchiger Seereise könnte Hotu Matua auf der Osterinsel gelandet sein. Wer auch immer die ersten Bewohner waren, sie erreichten nach neuesten Erkenntnissen das Eiland um 1200 n.Chr.

Der Nabel der Welt

Der Archipel ist mit ca. 164 qkm etwa halb so gro~ wie Malta. Gut 3500 km sind bis zum . amerikanischen Festland zu bewältigen. Bis nach1tahiti sind es gar mehr als 4.000 km. Für {/ die Bewohner war diese überschaubare Landfläclle mitten im Ozean der Mittelpunkt allen Seins. So nannten sie ihre Insel: Te pito 0 te Henua - Nabel der Welt.

Die Europäer kommen

Im 13. oder 14. Jh. erreichten neue Einwanderer über die Weiten des Ozeans den Nabel der Welt. Die Neuen wurden von den Alteingesessenen freundlich aufgenommen. Es begann eine rege Bautätigkeit, mit immer gigantischer werdenden Moais. Durch das enorme Bevölkerungswachstum wurde jedoch die Versorgungslage kritisch. Es kam zu einem Krieg zwischen den Völkern bei dem die Alteingesessenen unterlagen. Mit diesem Ereignis stoppte auch die Herstellung der Statuen. Wenige Jahre später, am Osternachmittag des Jahres 1722, landete der Holländer Roggeveen mit seinen Begleitern als erster Europäer auf der Insel. Aus dem Nabel der Welt wurde die Osterinsel. In Hanga Roa wohnen etwa 4.000 Menschen. Es gibt einen Gouverneur, einen Priester, eine Kirche, ein Krankenhaus und eine Schule. Die Insulaner dürfen wieder ihren eigenen polynesischen Dialekt sprechen und nennen ihre Insel Rapa Nui (große Insel). Das mag den Anschein einer heilen kleinen Welt geben, aber auch nach Rapa Nui liefert Satellitenfernsehen und Internet den Rest der Welt direkt ins Haus. Es gibt Probleme mit Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und 1991 wurde der erste Aidskranke gemeldet.

Die Statuen - Fertigung und Transport

Am nächsten Tag leihen wir uns einen Wagen und wir fahren zum Vulkankrater Rano Raraku, der als Steinbruch für die Statuen diente.(Der Zustand der öffentlichen Straßen sind naturbelassen also Sand Schlaglöcher sind ganz normal). Es handelt sich jedoch nicht nur um Köpfe, sondern um verschüttete Statuen, nur das obere Drittel ragt aus der Erde heraus. Weiter oben am Berg liegen die halbfertigen Riesen wie auf einem Schlachtfeld kreuz und quer nach allen Richtungen. Mit einfachen Steinmeißeln wurde das Tuffgestein unter Zuhilfenahme von Wasser aus Kalebassen bearbeitet. 30 Steinmetzen benötigten etwa ein Jahr für die Vollendung einer durchschnittlich großen Statue von 5-6 m Höhe. War die Statue fertig wurde sie den Hang hinunter geschoben und wartete auf ihren Abtransport. Insgesamt stehen hier noch 276 Statuen zum Transport an den eigentlichen Bestimmungsort bereiteiner ahu Plattform an der Küste." 'Wie sind denn die Statuen zu den Plattformen gekommen? Das sind doch Strecken von 10-20 km ohne Zugtiere, ohne Kräne?' Die Einheimischen behaupten: 'Die Statuen sind einfach gegangen!' Nun ja, die Wissenschaftler haben etliche gute Theorien, richtig bewiesen hat es noch niemand

Moais rund um die Insel

240 ahus stehen entlang der gesamten Küstenlinie; von seiner Lage her einer der schönsten von ihnen ist der ahu Nau-Nau in der Bucht von Anakena. Die Moais stehen wieder aufgerichtet auf der Altarplattform. Auf ihren Köpfen thronen schwere rote Steine wie eine Art Hut. Mit schwarzen Augen aus Obsidian schauen sie erhaben aus 5 Metern Höhe auf uns herab. Die Bucht von Anakena hat einen der beiden Sandstrände der Insel. Ein idealer Ort rur unser Mittagspicknick! Als Nachtisch haben wir Baby-Ananas vom Markt mitgenommen, sie werden auf der Insel angebaut und schmecken einfach köstlich! Nach gut zwei Stunden Fußmarsch stetig bergauf, erreichen wir den Rand des tausend Meter breiten Vulkankraters Rano Kau. Im See auf dem Kratergrund gedeiht Totora Schilf. Unser heutiges Ziel liegt am Rande des Kraters. Es ist ein Kultzentrum hohen Ranges, das Zeremonialzentrum von Orongo. Bis 1876 fanden hier Zeremonien statt. 48 ovale Gebäude wurden in den Hang hineingebaut. Die Hauptattraktion sind jedoch 150 in Stein gemeißelte V ogelmänner am Rande der Klippen. Es sind menschliche Körper die Vogelköpfe tragen und manchmal ein Ei in der Hand halten. Was hatte es damit auf sich? Ein Mal im Jahr versammelten sich die Würdenträger der auf der Insel ansässigen Stämme an diesem Ort zur. Wahl des religiösen Oberhauptes, des so genannten Vogelmannes. Ihm oblag der Schutz der Insel und somit die Sorge für Frieden und Wohlfahrt. Der Termin fiel mit dem Beginn der Brutzeit der Seeschwalben zusammen, die auf dem vorgelagerten Felsen Moto Nui nisteten. Kaum dass die erste Schwalbe gesichtet wurde begann der Kampf um das erste Ei. Ausgewählte Männer stürzten sich in die Brandung, bargen ein Ei, schwammen zurück und erklommen über die steilen Klippen das 300 m hoch gelegene Plateau von Orongo. Der Erste,der mit einem unbeschädigten Ei zurückkehrte, war zum Vogelmann für das kommende Jahr auserkoren. Der Vogelmann war die höchste religiöse Instanz und fungierte als Mittler zwischen den Menschen und dem Gott Makemake. Makemake galt als Schöpfer und Erhalter der Welt. Der neue Vogelmann lebte ein Jahr lang in der Abgeschiedenheit von Orongo als Einsiedler. Auch hier gibt es noch viele Rätsel und viel zu tun. Unsere Zeit auf der Insel ist leider viel zu schnell vorbei .. Der Reiseleiter bringt uns zum Flughafen. Zum Abschied hängt er jedem von uns eine wunderschöne Kette aus Muscheln und getrockneten Hülsenfrüchten um den Hals - als Glücksbringer und damit wir wiederkommen. Das versprechen wir ihr gern!

Von Edgar J. Herrmann


Foto : Die einzige Figur mit 2 Augen.

Sie wurde für Filmaufnahmen zweckentfremdet

Foto : Alle Moais blicken in eine Richtung



Bilder: Edgar J. Herrmann