Eine spannende Ukraine erlebt

Die großen Städte erleben ein Wechselbad der Gefühle


Die Städte in der Ukraine erleben eine friedliche Revolution. Nach der Lösung vom großen Bruder Sowjetunion ist nichts mehr so, wie es Jahrzehnte einmal war. Ein Land, ein Aufbruch und das mit rasender Geschwindigkeit. Als Reisender durch die Ukraine erlebt man auf jedem Zentimeter Zeitgeschichte. Es scheint, als sind die Ukrainer damit beschäftigt, Geld zu verdienen und dieses gleich wieder auszugeben und zu zeigen, was man erreicht hat. Keine westeuropäische Großstadt hat zum Beispiel so eine Luxusautomobildichte wie die Städte Odessa und Kiew, nirgends sind so modische Trends zu beobachten. Luxus und Reichtum sind angesagt. Die Schere zwischen arm und reich spaltet das Land. Auf der Reise durch die Ukraine besuchte ich die Städte Odessa und Kiew und erlebte auch ein Land mit gestärktem, nationalem Selbstvertrauen. - Odessa. Die Hafenstadt am schwarzen Meer: Jeden Sonntagvormittag findet am Denkmal für den Unbekannten Matrosen im Schewtschenko-Park eine eigenwillige Veranstaltung statt. Junge Burschen und Mädchen halten Wache, jede halbe Stunde zelebrieren sie dann eine Wachablöse, anschließend kommt Trauer musik aus Lautsprechern und schließlich die Stimme Stalins. Die Jungs haben ein Gewehr umgeschnallt und die Mädchen tragen kurze, enge Röcke, die weit hochgeschlitzt sind, sehr eng anliegende, die Figur betonende weiße Blusen und hohe Stöckelschuhe. Wenn sie im Stechschritt marschieren, schaut das ziemlich kess aus. Was ist das? Ernstgemeinte Mahnwache? Schräge Travestie? Augenzwinkernde Touristenunterhaltung? Man weiß es nicht so recht. Ein paar Meter weiter unten ist der Strand. Da geht es weniger streng und umso hedonistischer zu. An einem Sonntag im Juli oder August liegen dann die Badegäste eng aneinander, an manchen Strandabschnitten, so scheint es, gibt es nur Stehplätze. Dass die Wasserqualität des Schwarzen Meeres hier als bedenklich eingestuft wird, tut dem Badevergnügen keinen Abbruch. Hinter dem Strand sind kleine Restaurants und Buden, die Eis, Bier, getrockneten Fisch oder Zuckerwatte verkaufen. Coole junge Burschen sausen auf Scootern durch die Gegend oder spielen Billard. Eltern besuchen mit ihren Kindern die Delphinschau oder gucken sich die Bodybuilder beim Training am "Muscle Beach" an. Spätestens um fünf Uhr nachmittags verlagert sich das Geschehen vom unmittelbaren Strand nach hinten, auf die Terrassen der mit Stroh gedeckten Hütten, die Hawaii- oder Karibik-Flair vermitteln sollen. Später dann, wenn die Familien und die Älteren nach Hause gegangen sind, verwandelt sich der Strand in eine Partyzone. Und nirgendwo wilder und ausgelassener als am Arkadia-Strand südlich der Stadt. Ibiza Club heißt hier der beste Club und er macht seinem Namen alle Ehre. Er sieht wahnwitzig aus, getanzt wird auf verschiedenen Ebenen, die DJs kommen aus ganz Europa, die Mädchen sind die schönsten des Landes und vor dem Morgengrauen ist der Spaß nicht vorbei. Odessa ist eine sehr entspannte Hafenstadt mit südlichem, bisweilen etwas morbidem Charme. Man sitzt im Straßencafe, spaziert über das Kopfsteinpflaster. Odessa ist eine sehr entspannte Hafenstadt mit südlichem, bisweilen etwas morbidem Alleebäumen gesäumten Straßen. Familien sind mit großen Badetaschen und bunten Schwimmreifen unterwegs. Wer etwas auf sich hält, fährt ein schwarzes SUV mit dunkel getönten Scheiben. Mädchen tragen kurze, dünne Kleidchen und prinzipiell High Heels. Touristen steigen die Treppen, die Sergej Eisenstein mit seinem Film "Panzerkreuzer Potemkin" berühmt gemacht hat, rauf und runter. Im Park flanieren Händchen haltende Pärchen. Mit seiner Sowjetvergangenheit hat Odessa radikal aufgeräumt, etwa die Straßennamen geändert. Aus der K.-Marksa-Straße wurde die Ekaterinskaya, aus der Lenina die Rishelievskaya, aus der Engelsa die Marazlievskaya. Und auch die, die an Garibaldi erinnert, musste daran glauben. Sie heißt heute Polskaya. Und auf dem Flug nach Hause nehmen wir uns vor, endlich Isaak Babels Geschichten aus der Moldawanka, dem ehemaligen jüdischen Viertel Odessas, zu lesen. Kiew, Kirchen und Küche: Zwei Sachen fallen einem schnell zu Kiew ein. Da ist zum einen das Bild vom Unabhängigkeitsplatz in den Wintertagen des Jahres 2004, als Zehntausende für mehr Demokratie protestierten, auf dem Platz ihre Zelte aufschlugen, ein Meer von orangenen Fahnen im Wind flattern ließen und emotionale Reden von Wiktor Juschtschenko und Julia Timoschenko für Hoffnung und Aufbruchsstimmung sorgten. Und zum anderen natürlich der Fußballklub Dynamo Kiew, einer der traditionsreichsten und erfolgreichsten Vereine Osteuropas; immerhin ist er der Heimatverein von Oleg Blochin und Andrej Schewtschenko. Am Unabhängigkeitsplatz kommt man zwangsläufig vorbei, wenn man durch die Stadt läuft. Man erkennt sofort das markante, im Stil des stalinistischen Modernismus erbaute Gebäude des Hotels Ukrayina wieder; am anderen Ende des Platzes werden Memorabilien aus den Tagen der orangen Revolution verkauft. Auch am Stadion von Dynamo Kiew kommt man mit großer Wahrscheinlichkeit vorbei, wenn man vom Stadtzentrum zu den berühmten und absolut sehenswerten Höhlenklöstern wandert. Wir wollen uns aber nicht auf die Spuren von Fußball und Freiheit begeben, sondern auf die von Kirche und Küche. Und die beiden haben auch etwas miteinander zu tun. Beginnen wir mit den Kirchen. Kiew ist die Stadt der Kirchen und der goldenen Kirchtürme. Von überall sieht man sie. An fast jedem der großen Plätze steht eine der ukrainisch-orthodoxen oder auch russisch-orthodoxen Kirchen, oft auch große Klosteranlagen, die einen Ort der Ruhe im doch recht lebhaften Stadtgewimmel darstellen. Dass Kirchen wieder sorgsam restauriert und renoviert werden, kann man auch als Reaktion auf die herben Zeiten verstehen, als die Ukraine Teil der Sowjetunion war. Mit einem gestärkten nationalen Selbstbewusstsein hat auch die Zelebrierung der einheimischen Küche zu tun. Die Ukrainer lieben "Themenrestaurants", vor allem ukrainische. Was woanders vielleicht mit hochgezogenen Augenbrauen, müdem Lächeln oder einem Disneyland-Hinweis abgetan wird, ist hier auch bei den Einheimischen sehr beliebt. Und man kann tatsächlich in einigen ganz hervorragend essen (z. B. im Tsarskoje Selo bei den Höhlenklöstern). Die Lokale sind rustikal dekoriert, die Kellner und Kellnerinnen tragen Tracht und haben sich Blumen oder Stroh ins Haar gesteckt. Zu den einheimischen Spezialitäten, die man unbedingt probiert haben sollte, zählten natürlich Borschtsch, die berühmte Rote-Rüben-Suppe, dann Galubtsi (gefüllte Krautrouladen), Wareniki (mit Fleisch, Kraut, Topfen oder Früchten gefüllte Teigtaschen), natürlich Stör-Schaschlik und Kaviar. Bemerkenswert und eine Angelegenheit für gute Mägen ist Salo, der weiße, fette Speck, der, wenn er gut gewürzt ist, sehr lecker ist. Hühnchen auf Kiewer Art hingegen wird ausschließlich von Touristen gegessen. Hervorzuheben ist auch das hervorragende Brot, von dem es angeblich an die 80 verschiedene Sorten gibt. Dazu trinkt man Obsolon-Bier aus Kiew oder "home-made" Wodka, der hier Horilka heißt und in der Regel verdammt gut ist. Wir sagen: Smacnoho - guten Appetit!

Von Edgar J. Herrmann