Vitt auf Rügen

Predigt am Strand - Ein Fischerdorf kämpft ums überleben.


Ein staubiger, steiniger Holzweg führt in die Vergangenheit. Auf den ersten Blick scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Gemeint ist Vitt auf Rügen. Zuziehende haben keine Chance, ihr Domizil auf Dauer dort aufzuschlagen. Die Vitter wollen ihren Stil nicht ändern. Sie sind bekannt dafür, misstrauisch zu sein gegen alles Neue. Die Urlauber finden unten im Dorf keinen Supermarkt, keine Telefonzelle oder schon gar nicht die obligatorische Würstchenbude. Auch der Baustil ist der gleiche wie vor 100 Jahren. Kein Neubau entstand in den letzten 80 Jahren. Aus Tradition, aber auch aus Sturheit, wurde das Alte stets nur renoviert. Die Wirtin der einzigen Dorfkneipe in Vitt wird immer nachdenklicher, wenn sie die Touristen Explosion insbesondere im letzen Jahr sieht. Horrende Offerten bis zu 200.000 Euro für eine Fischerkate sind keine Seltenheit. Würde nur einer schwach, wäre das das Todesurteil für Vitt. Die Fischerkaten liegen malerisch eingebettet vor alten Kastanien und Erlen, längst sind die Ställe zu Gästewohnungen umgebaut. Im Volksmund heißt Vitt auch "4711": 47 Menschen in 11 Häusern. Dieser äußerste Zipfel der Insel Rügen, in Nachbarschaft von Kap Arkona, zog vor allem Künstler an. Die Maler Caspar David Friedrich und Philipp Otto Runge stellten oft ihre Staffelei in den Dünen auf und ließen sich von der Natur berauschen. Goethe war ebenfalls mehrmals Gast in Vitt. Die Vitter werden von den Städtern oft als komische Leute abgestempelt, weiß die Wirtin berichten. Alles Fremde tropft am Ölzeug der Fischer ab, gerade sie machen sich große Sorgen um ihre Zukunft. Das Gold der Ostsee macht sich rar. Gemeint ist der Hering, der in der Hochzeit in riesigen Schwärmen in Vitter Netzen gefunden wurde. An der Düne stehen nur noch zwei klapprige Küstenboote, die immer öfter vergebens in See stechen. Der Dorsch ist ganz ausgestorben, der Aal selten. Typisch der Kommentar eines Vitter Fischers: Der Hering ist von den "Großen" totgefischt. Ganz anders sah es um die Jahrhundertwende aus. Sogar der Pastor stellte sich auf die Gewohnheiten der Vitter ein. Der Hering war in Gottesdiensten allgegenwärtig. Von der achteckigen Kapelle auf Vitts höchstem Berg wurde die Andacht unten ans Wasser verlegt, um näher am Fisch zu sein. Es wurden Regeln erfunden: Die Gemeinde saß mit dem Rücken zur Ostsee, der Pastor blickte auf das Wasser mit dem Hintergedanken, sobald der Hering zu silbern oder blitzeln beginnt, Alarm zu schlagen. Wenn der Ruf erschallte: "Der Hering kümmt", wurde die Predigt verkürzt und das Amen schneller gesprochen. Die Strandpredigten sprachen sich schnell bis nach Berlin herum: Wer es sich leisten konnte, kam zum Heringsfang nach Vitt. 1933 wurden die Uferpredigten verboten, der neugierige Besucherstrom unterbunden. Nur die Künstler liebten ihr Fischerdorf und kamen wieder. Die Vitter sind felsenfest überzeugt, auch wenn auf den Hügeln ein Hotel entstehen sollte, unten im Dorf tut sich nichts. Wenn auch im Sommer viele Touristen nach Vitt kamen und ihre Nase an den Fensterscheiben platt drückten, kehrt abends immer wieder die Ruhe ein, dann bleibt den wenigen Stammgästen und den Einheimischen Zeit für einen Klönschnack.

Von Edgar J. Herrmann