Zierikzee

Italienisches Flair an der holländischen Nordseeküste.


Malerisch einladend präsentiert sich die 10.000 Einwohner zählende Kleinstadt Zierikzee seinen Gästen. Enge Gassen, bunte, typisch holländische Häuserzeilen, davor Straßencafes und Restaurants laden förmlich ein zum Verweilen. Bei schönem Wetter glaubt man, in Italien zu verweilen. Zierikzee hat noch zwei Mühlen: die steinerne Holländermühle De Hoop von 1850 in der Lange Nobelstraat und die Getreidemühle Den Haas von 1727 auf dem Blauwe Bolwerk am Hafen. Außer diesen großen Baudenkmälern gibt es noch Hunderte von kleineren, beispielsweise die schönen Regentenhäuser am Oude Haven aus dem 18. Jahrhundert, große Patriezierhäuser am Havenpark und das gotische Tempeliershuis in der Meelstraat. Vor allem im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte Zierikzee ein schlummerndes Dasein. Zu einem Abriss oder zum Umbau kam es meistens nicht. Nach Zeiten des Missgeschicks richtete sich die Stadt erneut auf, zwar verwahrlost, doch nicht rettungslos beschädigt. Nach der Sturmflutkatastrophe von 1953 wurden viele Gebäude restauriert. 1971 bekam Zierikzee den Status eines holländischen Denkmalschutzgebietes. Von den Wohnhäusern, Betriebsgebäuden und anderen Monumenten aus der Zeit vor 1850 stehen nicht weniger als 558 auf der offiziellen Reichsliste der Baudenkmäler. Hiermit steht die Stadt Zierikzee mit gut 10.000 Einwohnern nach viel größeren Städten wie Amsterdam, Leiden, Maastricht und Haarlem, an 10. Stelle auf der Liste der Denkmalstädte in den Niederlanden. Bis zur Nordseeküste sind es nur 12 Kilometer zum bekanntesten Badeort Renesse. Zierikzee erreicht man über die längste Brücke Europas, die Zeelandbrug ist stolze 5 Kilometer lang. Ein Blick in historische Unterlagen und Touristikinformationen belegt, dass es seine Beutezeit bereits im 10. Jahrhundert erlebt hat. Wichtige Schiffsverbindungen zwischen Flandern, Holland und Zeeland starteten in Zierikzee. Segler und Schiffseigner legen gerne in Zierikzee an. Der Kanal zur Nordseeküste bietet Schutz und ein einmaliges Flair. Das historische Zierikzee muss ein lebhafter Ort gewesen sein. Hier hatten sich zahlreiche Handwerker in vierzig Zünften vereinigt. Die wichtigsten Einkommensquellen waren Tuchmacherei und die Krappkultur. Die Wurzeln der Krapp-Pflanze wurden zu dem sehr begehrten roten Farbstoff zermahlen. Auch als Zentrum des Salzhandels errang Zierikzee im Laufe der Zeiten große Bedeutung. Salz war im Mittelalter eine sehr begehrte Handelsware, vor allem wegen der konservierenden Wirkung bei Fleisch und Fisch. Händler aus Zierikzee beförderten Salz in alle Windrichtungen. Der Schattenriss von Zierikzee mit den Mauern, Toren, Kirchen, Türmen und Mühlen war infolge der Wohlfahrt der Stadt beachtenswert. Bis heute sind drei Stadttore erhalten geblieben. Noord und Zuidhavenpoort sind schon wegen ihrer weißen Zugbrücken malerische Bauwerke. Das Noordhavenport stammt etwas aus dem Jahr 1500 und ist ein Bollwerk. Es hat an der Außenseite einen Treppengiebel über dem Durchgang und an der Stadtseite Giebel im flämischen Renaissancestil. Der Innenplatz wird in Hufeisenform von Gebäuden umringt, die einen Wehrgang aufweisen. An der südlichen Seite der Noordhavenpoort ist ein kräftiger, rechteckiger Turm mit gewölbtem Durchgang und vier Ecktürmchen. Im Mitteltürmchen hängt das einstige Glockenspiel (eines der ältesten der Niederlande), das aus dem Rathaus stammt. Das dritte noch erhaltene Stadttor ist die Nobelpoort aus dem 14. Jahrhundert. Zwei Rundtürme flankieren das rechteckige Torgebäude. Eine der Turmspitzen ist achteckig, eine sechzehneckig. Zwei adlige junge Damen, die Geschwister Nobel, wollten beide eine eigene Turmspitze haben. Die alten Torptüren, in den Stadtfarben rot und schwarz angestrichen, wurden bis 1866 allabendlich vom Torwächter geschlossen. Das Rathaus in der Meelstraat stammt aus den Jahren 1550 1554. Die beiden flämischen Dachgiebel tragen Medaillons mit Abbildungen von Kaiser Karl V. und seinem Sohn Philips II. Die Abbildung des Gottes der Meere, Neptun, dient auf der Turmspitze als Windfahne. Im unteren Raum dem Vierschaar (Gerichtssaal) sind die Balken mit den Wappen der Städter und Herrschaften von Schouwen Dulveland verziert. Der Trouwzaal (Trauungssaal) im ersten Stock wurde im 18. Jahrhundert im Stil Ludwig XV. umgestaltet. Das oberste Stockwerk hat eine eindrucksvolle Dachkonstruktion aus Eichenholz, die einem umgedrehten Schiff ähnelt. Dieser Raum gehört zum Rathausmuseum. Der gotische Natursteingiebel vom Is Gravensteen an der Mol wurde 1524 1526 nach einem Entwurf von Harman van Aecken aus Antwerpen gebaut. Im ersten Stock sind noch die authentischen Zellen. Seine Bestimmung als Gefängnis hatte das Is Gravensteen noch bis 1923. Die vergitterten Fenster und die Gitterkäfige weisen noch darauf hin. Zur Vollstreckung eines Urteils wurde auf dem Podest das Schafott aufgestellt. Die Vorderseite des schmiedeeisernen Zaunes wurde dann nach innen gedreht. Der Scharfrichter konnte dann die Hinrichtung vollziehen. Im Is Gravensteen ist jetzt das Maritime Mueseum untergebracht. Ein drittes Museum befindet sich im Burgerweeshuis. Dieses gotische Gebäude stammt aus dem Jahr 1425 und bekam gegen Ende des 17. Jahrhunderts zusammen mit einigen anliegenden Gebäuden einen neuen Giebel. 1858 wurde die Front weiß verputzt. Der einstige Regenten und Regentinnenraum ist ein Salon mit goldlederner Tapete, bemalter Decke und Gemälden. Hinter dem Burgerweeshuis befindet sich ein schöner Skulpturengarten. Dicht in der Nähe befindet sich der St. Lievensmonstertoren, im Volksmund bekannter als "der dicke Turm". Der berühmte Baumeister Anthonie I. Keldermans aus Mechelen begann 1454 mit dem Bau des Turmes, der mindestens 130 m hoch werden sollte. Nach 50 Jahren war der Bau bis zum ersten Umgang vollendet. Wegen der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse kam man nie höher als die 56 Meter, die man bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts erreicht hatte. Neben diesem Turm steht die im vorigen Jahrhundert im neoklassischen Stil errichtete Nieuwe Kerk, die Neue Kirche. Diese Kirche ersetzt die 1832 abgebrannte St. Lievensmonsterkerk, ein Juwel mittelalterlicher Baukunst und seinerzeit die große Kirche Zeelands. Die Tuchmacherei blühte vor allem an der Peripherie der Stadt. Der Varreput ist deren letztes Überbleibsel. Im Wasser wurde das Tuch gespült, und in der nahe gelegenen Raamstraat waren die Tuchrahmen aufgestellt. Am Havenplein steht die Gasthuiskerk, deren ältester Teil aus dem 14. Jahrhundert stammt. 1651 wurde die Kirche um eine Galerie erweitert, die auf der Beurs ruht, wo früher das Getreide gehandelt wurde. Der Vismarkt an der Sint Domusstraat ist ein Überbleibsel des St. Jacobshofje. Die St. Jacobsgilde war die Gilde der Schiffer. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde hier der Fischmarkt abgehalten. Hier entstanden eine Hartstein Galerie mit Säulen, ein Auktionatorhäuschen und ein verschließbarer Zaun. Auskünfte erteilt der Fremdenverkehrs Verband VVV/ANWB Zierikzee, Tel. 0111 412450.

Von Edgar J. Herrmann